Die Sage vom Kärrner von Stollberg

 Bei des Stadtwächters Witwe zu Stollberg und derer hübscher Tochter Barbara hatte sich seit einiger Zeit der junge Handelsmann Martin einquartiert, der mit seinem Hundegespann Boten- und Be­förderungsdienste in der Nachbarschaft und zu den umliegenden Dörfern besorgte.

Zwischen den jungen Leuten entwickelte sich eine innige Zunei­gung und zum nächsten Osterfest sollte die Hochzeit sein. Ein schneereicher Winter war hereingebrochen, und der Kärrner be­nutzte für seine Fahrten einen Kastenschlitten. Am Weihnachtsabend hatte der junge Mann plötzlich zu später Stunde bei hereinbrechen­der Dunkelheit noch eine Fahrt ins nahe Wittendorf zu machen und einen Botengang zu besorgen.

Vergebens versuchte das Mädchen, den Geliebten von seinem Vorhaben abzuhalten:

Bleib da, bleib' da! Schon naht die Nacht. Der böse Panzerreiter jagt mit seiner Krähe

durch die Wälder und über die verschneiten Felder. Wenn Dir etwa auf Deinem Pfad der böse Panzerreiter naht,

dann ist's das beste, still zu treten und rasch ein Vaterunser beten ...

Du lachst, oh Gott, nimm Dich in acht! Ich hab ihn selbst gesehen.

Er pflegt in schwarzer Rittertracht nachts auf die Jagd zu gehen. Wer seine Krähe krächzen hört, der wird von Todesangst betört und sieht von Nebel sich umhüllen. Drum hüte Dich um Gotteswillen!

(Aus der Sagenballade von Widar Ziehnert)

 Aber der Kärrner benahm sich eigentümlich und starrsinnig und ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Voller Sorge und Vorahnung verabschiedete sich das Mädchen von ihrem Bräutigam, der ihr versicherte, rechtzeitig bis zur Mitternachtsmette in der nahen Marienkirche zurück zu sein.

Die Stunden verrannen, ein Wintersturm rüttelte an den Fenster­läden des kleinen Häuschens an der Schneeberger Straße. Barbara Hetzte sich ans Spinnrad, aber es ging ihr nichts von der Hand. Immer wieder erschien ihr der Faden blutigrot, und eine uner­klärliche Unruhe war in ihr. Geisterte nicht gerade in solchen Näch­ten der unheilverkündende schreckliche Panzerreiter auf der Straße nach Wittendorf?

Mitternacht war längst vorbei, die Metten in der Christnacht beendet, die Lichter verloschen. Dann graute der Weihnachtsmorgen. Ein hilfsbereiter Nachbar begleitete die unglückliche Jungfer hinüber nach Wittendorf. Dort erfuhren sie, dass sich Martin schon weit vor Mitternacht auf den Heimweg begeben habe. Im Neu­schnee war die Schlittenspur zu verfolgen, sie kreuzte noch den Bürstenweg, bog dann plötzlich von der Zwickauer Straße ab und endete in einem Sumpfloch am Walkteich mit aufgebrochenem Eise.

Daneben Hufabdrücke, doch nicht etwa vom Pferd des gespen­tischen Reiters?

Nach der Heimkehr war das Mädchen dem Wahnsinn nahe. Zu Ostern, dem vorgesehenen Hochzeitstermin, erschien ihr im Traum er verschollene Bräutigam und lud vor ihrem Fenster Myrtenzweige ab. Kurze Zeit darauf verstarb die Unglückliche.

Das „Kärrnerloch", nach einer anderen Sagenversion im Gelände der wüsten Mark Wittendorf gelegen, aber auch der in Stollberg gebräuchliche Ausdruck „Da hat der Kärrner abgeladen!" für ein Haus, wo ein Todkranker liegt, stehen in Verbindung zur Sage.

Eine weitere sagenhafte Stollberger Überlieferung, nämlich von der „Totenkirche", erzählt, dass sich in der Neujahrsnacht mit dem Glockenschlag Zwölf alle im Jahr Verstorbenen in der Marienkirche sammeln. Erschrockene Passanten hätten die Verblichenen zum Erschrecken in den Kirchenbänken sitzen sehen. Eine Spur zum

historischen Kern dieser düsteren Stollberger Sagen führt in die Pestzeit zurück. Im 1549 begonnenen Stollberger Gerichtsbuch heißt es „Merten Schmidt, ein Gerichtschöppe und Kärrner von Crottendo­rf, ist den 23. März anno 1591 vormittags um 10 Uhr zu Stollberg in Georg Weißbachs, des Bürgermeisters Haus und Gasthof kommen geritten. In Meinung, seinen Karren mit Korn, den er zu Callenberg stehen gelassen hatte, abzuholen, geklagt, daß er solche Reise in die 12 Taler eingefahren. Und obwohl er einen bösen Hals und man fast die Hauptkrankheit (die Pest) an ihm vermutet, hat er sich jedoch desselben Abends um 6 Uhr aus dem Gasthof verloren, durch Walkers Mägdlein auf dem Teichdamm stehend gesehen worden, indem er gesaget, es solle dem Wirt anzeigen, er würde sobald nicht heimkommen. Seine Tasche hinge an der Wand, daraus sollte bezahlt werden. Des Morgens den 24. ist sein Hut im Teich geschwommen. Als er mit Feuerhaken durch die Gerichtspersonen in Ablassung des Teichs gesucht, denselben Tag erst um 4 Uhr gefunden, bewacht, hernach den 25. in der Nacht durch den Scharf­richter aufgehoben und gesehen, daß er sich ersäuft und dann durch ihn, den Scharfrichter, auf dem Scheidewege, am Viehweg nach der Würschnitz zu an der Zwickischen Straße begraben worden. Das Pferd mit der Zugehörung ins Amt genommen, zu Gelde gemacht und die Unkosten entrichtet."