Bauern, Gärtner, Häusler und Hausgenossen

(Auszug aus Horst Rösler „Geschichte und Sagen Landkreis Stollberg“,  Bd. 2)

 

Der weitaus überwiegende Teil der hiesigen Bevölkerung lebte auf den Dörfern, wo es vier Schichten gab: Die Bauern, die Gärtner, die Häusler und die besitz- und rechtlosen Hausgenossen (Mieter), für die der Hauswirt Bürgschaft übernehmen mußte. Zu ihnen sind auch die Altbauern, die „Auszügler", zu rechnen.

In den ersten Jahrhunderten nach der Besiedelung bildeten die Bauernfamilien mit ihrem Gesinde die Dorfbevölkerung. Dabei kam es schon frühzeitig durch Erbteilung zur Zerstückelung der ursprünglichen Hufengüter, und es tauchen Bezeichnungen auf wie 1/2 bis 1/8 Hufengut. Unterschiede werden bei Fronverpflichtungen zwischen Pferde- und Handfronbauern deutlich.

Bereits seit 1500 entstanden in den meisten Dörfern die so genannten Gartenwirtschaften. Ihre Besitzer hießen Gärtner. Bauernsöhne, die als Hoferben nicht in Frage kamen, zäunten ein Stück des väterlichen Grundstückes ein und errichteten ein Häuschen mit Stall und Schuppen. Sie besaßen ein bis zwei Scheffel Feld (den Scheffel zu 27,67 Ar), eine Wiese, die ein Fuder Heu ergab, hielten bis zu zwei Kühe, dazu Schafe, Ziegen, Schweine und Federvieh. In manchen Orten, wo freies Gemeindeland zur Verfügung stand, machten Gärtner diese Flächen urbar.

 

Häuslerstellen entstanden überwiegend zwischen den Bauerngütern und dem Dorfanger der Waldhufendörfer. Der Häusler besaß nur einen geringen Grundbesitz oder Pachtland. Er hielt ein Schwein, Schafe, Ziegen und höchstens eine Kuh in einem Ställchen.

 

Die um 1700 entstehenden Spätgründungen Hoheneck, Neuwiese, Raum, Heinrichsort und Streitwald waren typische Häuslersiedlungen und unterschieden sich in der Bevölkerungsstruktur grundlegend von den älteren Orten.

 

Dort präsentierten sich die Bauerngüter nach fränkischer und thüringischer Tradition als trutzige Drei- und Vierseithöfe mit gehörigem Abstand auf den Talflanken. Das Bauernhaus, zunächst in Blockbauweise aus Holz errichtet, bekam später ein Erdgeschoß aus Mauerwerk, während das Obergeschoß in Fachwerk aufgeführt wurde. Eine niedrige Haustür führte in einen Flur, wo der Brotschrank stand. Im Erdgeschoß lagen zwei Stuben und auf der Westseite der Kuhstall. Ans Haus war ein Backofen angebaut, denn man buk das Brot selbst, jeder Laib 7 Pfund schwer. Eine enge Stiege führte hinauf ins Obergeschoß, wo der Wind durch die Ritzen pfiff und es im Winter empfindlich kalt war. Am Brunnen vor dem Haus plätscherte das Röhrwasser.

 

Die Landwirtschaft warf geringe Erträge ab. Nach der damals üblichen Dreifelderwirtschaft baute man im ersten Jahr das „harte Getreide" an, nämlich Roggen als Winterkorn, im zweiten Jahr Hafer und etwas Gerste. Danach mußte sich das Feld als Brache „durch Regen und Sonne erholen". Auf den Brachfeldern weidete der herrschaftliche Schäfer seine Herde. Nur 31 Scheffel Landes durften die Bauern einzäunen und für den Anbau von Kraut, Rüben und Erbsen nutzen.

 

Als Dünger stand nur Mist und Jauche zur Verfügung. Statt Stroh wurde im Stall weitgehend Waldstreu verwendet. Erst im 18. Jahrhundert kam die Kalkdüngung auf. In der Regel brachte die Ernte nur etwa das Doppelte der Aussaat ein. So verzeichneten die Lugauer Bauern bei einer Durchschnittsernte dieser Zeit: Bei 53 Scheffel Aussaat Korn (Roggen) 105 Scheffel Ernte, bei 56 Scheffel Hafersaat 98 Scheffel, bei 7 Scheffel Gerstensaat 14 Scheffel. Außerdem wurden 12 Scheffel Lein und 10 Scheffel Kartoffeln eingebracht. Gemessen wurde damals mit dem Schüttmaß Scheffel. Ein Dresdner Scheffel faßte seinerzeit 104 Liter, was bei Roggen ungefähr 166 Pfund Gewicht entsprach.

Weizen wurde in geringem Maße nur auf den Rittergütern angebaut, auch etwas Hopfen. Der Kartoffelanbau steckte noch in den Kinderschuhen. Die neue Feldfrucht wird erstmals 1713 in Oberwürschnitz und 1718 in Hohndorf genannt, im gebirgischen Teil der Pflege ab 1730. Der Anbau erfolgte zunächst auf Beeten, später in Furchen.

 

Das dürftige Wachstum der Wiesen ermöglichte in der Regel nur eine Mahd im Jahr und beeinträchtigte die Viehzucht. Bei einem geringen Pferdebestand mußten die Felder meist mit Zugochsen und Kühen bestellt werden. Die Pferdefronbauern wurden zu oft mit ihren Pferden auf den herrschaftlichen Feldern und bei Spanndiensten beansprucht. Dem kargen Futter entsprechend, waren die Milchkühe, auf großen Höfen bis zu 10, sonst bis zu 5, durchweg klein, mager und gaben wenig Milch. Bedeutung hatte die bäuerliche Fischzucht. Zu jedem Gut gehörte mindestens ein Teich.

Das Oelsnitzer Rittergut betrieb eine ausgedehnte Teichwirtschaft.

 

Bei der Belastung der Untertanen klafften von Herrschaft zu Herrschaft gravierende Unterschiede, in einigen Orten, wie in Oelsnitz, sogar von Hof zu Hof. Am schlimmsten erging es den Hohndorfern in der Herrschaft Lichtenstein. Die Bauern mußten im Sommer dreimal, im Winter zweimal in der Woche zur Fronarbeit antreten. Das waren 130 Tage im Jahr!

Da steht ein Bauer am Abend vor seiner Haustür und blickt zum Himmel. Endlich ist nach verregneten Wochen geeignetes Erntewetter. Morgen will er mit dem Kornschnitt beginnen. Da kommt der Dorfrichter, zuständig für das Anheißen zum Frondienst, und meldet: „Morgen früh antreten mit Wagen und Sense auf dem Gutshof!" Da half alles Fluchen nichts, denn zuerst mußte die Ernte der gnädigen Herrschaft eingebracht werden.

Das Frondienstverzeichnis der Untertanen des Oelsnitzer Rittergutes enthielt 46 Positionen, vom Pflügen, Eggen, Säen, Dreschen, Schafscheren, Jagddiensten und Fuhren bis hin zum Steinelesen, Eichelnsammeln für die Schweinemast und das Spinnen eines Stück Garnes.

Besser erging es den ehemals grünhainischen Bauern, die — obwohl längst auch kursächsische oder schönburgische Untertanen geworden — der Frondienste ledig blieben und nur zu Handdiensten und Naturalabgaben herangezogen wurden.

 

Ebenfalls nicht so drückend ruhte die Last auf der bäuerlichen Bevölkerung des kursächsischen Amtes Stollberg. Bis zur frühen Ablösung der Frondienste im Jahre 1701 traten die Pferdebauern an 14 Tagen im Jahr zur Ackerfrone mit dem Pferd und an 8 Tagen mit der Hand an, die Handbauern insgesamt an 17 Tagen mit der Hand. Als Gegenleistung wurde am Frontag zur Beköstigung gereicht: „Eine kalte Schale, Zugemüse, zwei Fronsemmeln und zwei Quärke." Später gab es nichts zu essen, sondern am Tag einen Groschen und ab 1683 schließlich nur noch einen Dreier, der außerdem noch mit „Schloßbier" zu vertrinken war.

 

Außerordentlich belastend waren im Amt Stollberg für die Dorfbewohner die vielen geforderten Jagddienste und „ungemessene" Baufronen. Seit Ablösung der Frondienste hatten die Stollberger Amtsbauern im Jahr insgesamt 700 Gulden aufzubringen.

 

Die Dörfler führten ein hartes Leben. Ihre Arbeitszeit dauerte von früh zeitig bis spät in den Abend. Vor der Zeit des Kartoffelanbaues waren der Roggen für Brot und Suppe, Hafer für Grütze und Gerste für Graupen die Hauptnahrungsmittel. Fleisch kam meist nur sonn- und feiertags auf den Tisch.

Besonders drückend empfanden die Landbewohner den 1651 eingeführten Gesindezwangsdienst. Alle jungen Leute mußten sich zu Ostern auf dem Gutshof zur Musterung stellen. Der Dienst dauerte ein bis zwei Jahre bei geringer Bezahlung. Eine Magd erhielt 4 Gulden im Jahr, ein Kuhhirt gar nur 2 Gulden und 2 Groschen. Auf dem Gutshof begann die Arbeitszeit im Sommer um 3 und im Winter um 4 Uhr morgens. Die Ablösung des Zwangsdienstes im Amtsbezirk Stollberg erleichterte das bäuerliche Leben.

 

Durch gezielten passiven Widerstand der Bauern, Nichterscheinen zur Fronarbeit und nachlässiger Erledigung der Aufgaben sank die Rentabilität der Feudalwirtschaft. Da heißt es beispielsweise in den Akten: „Statt mit 10 kamen die Bauern nur mit 3 Ackerpflügen ... Sie machten, was sie wollten ... Jeder hatte den ganzen Tag über nur 3 Beete geackert ... Es war ihnen ziemlich gleich, ob sie beim Ackern einen Pflug hätten hängen gehabt oder nicht ..." Wenn bei Holzfuhren die vollgeladenen Wagen in der Waldschneise standen, hatte der erste Fuhrmann die Pflicht, umzuwerfen und den anderen den Weg zu versperren, damit der Frontag mit Ab- und Aufladen angefüllt war und die Pferde geschont wurden.

So kam es, daß nach und nach die Frondienste und auch die Naturalabgaben in Geldleistungen umgewandelt wurden. Beispielsweise zahlten die Hohndorfer Pferdebauern 24 Gulden, die Handbauern 8 Gulden für die bisherige Fronarbeit. Das war damals viel Geld. Allerdings sank der Geldwert, und die meisten Bauern brachten die Summe durch abendliches Spinnen zusammen. Im Dorf gab es aber drei arme Bauern, die fronten ihre 130 Tage bis ins 19. Jahrhundert. Auch die Gärtner und Häusler mußten sich weiterhin zur Frone auf dem Fröner- und dem Kärrnerweg zu den Herrenhöfen nach Lichtenstein oder Neudörfel begeben.

 

Ursprünglich wurden auf den Dörfern außer der bäuerlichen Arbeit nur wenige andere Berufe ausgeübt. Der Müller, der Schmied, der Dorfwirt betrieben nebenbei alle noch etwas Landwirtschaft. Sogar ein Pfarrgut gab es. Die übrigen Bewohner, die keinen Besitz hatten, also nicht zu den sogenannten „besessenen Mann" gehörten, verschafften sich ihren Lebensunterhalt als Knechte, Tagelöhner, Fuhrleute, bei der Waldarbeit und — wenn es Bergwerke gab — als Berg- und Hammerleute.

Das städtische Gewerbe wachte eifersüchtig darüber, daß sich auf den Dörfern keine Handwerker niederließen. Nach einer kurfürstlichen Verordnung von 1555 wurde außer der Duldung von Dorfschmieden und Landleinewebern auch eine bestimmte Anzahl von Handwerkern in einer gehörigen Entfernung vom Stadtweichbild erlaubt. Erst 1737 sind diese Einschränkungen für Fleischer und Bäcker und 1767 für Schneider, Zimmerer, Wagner und andere Berufe aufgehoben worden.

 

Für alle Gärtner war mindestens ein Handwerk als Nebenberuf erforderlich, für Häusler und Hausgenossen bedeutete das ausgeübte Handwerk die Haupterwerbsquelle. Auf den Dörfern ist das Spinnen als Abendtätigkeit aller Familienmitglieder sehr verbreitet gewesen, um das benötigte Garn für die Weber zur Verfügung zu stellen. Ein fleißiger Spinner brachte es in der Woche auf 3 Pfündel Garn, das Pfündel zu 5 Groschen Lohn.

 

Bereits im 16. Jahrhundert arbeiteten auf den Dörfern Landleinweber, wie 1552 aus Jahnsdorf bezeugt. Zunächst war es den Bauern gestattet, Stoffe aus selbsterbautem Flachs oder erzeugter Wolle für den eigenen Bedarf zu weben. So schlugen sie im Winter in der großen Stube ihren Webstuhl auf und zahlten den Stuhlzins an die Herrschaft. Gärtner, Häusler und Hausgenossen gingen dazu über, während des ganzen Jahres zu weben.

In Oelsnitz wird der erste Weber 1651 genannt, und bereits 1689 entstand unter der Schirmherrschaft des Rittergutsherrn Heinrich II., Reichsgraf von Promnitz, die Oelsnitzer Leinen-, Zeug- und Wollenweberinnung, bald eine der größten sächsischen Weberinnungen auf dem Lande. Sie fand deshalb eine weite Verbreitung über 61 Ortschaften, weil sie das seltene Privileg genoß, zwei Wanderjahre als Gesellenzeit anrechnen zu dürfen. Die Gründung dieser Innung war Ausdruck einer fortschrittlichen Wirtschaftsförderung durch die promnitzische Gutsherrschaft.

 

Eine ähnlich große Bedeutung für den Broterwerb im dichtbesiedelten Gebiet erlangte seit 1730 die Strumpfwirkerei. Als „freie Kunst" war sie zunächst keinem Innungszwang unterworfen. Die Lehrzeit betrug in der Regel nur ein halbes Jahr. Man wirkte „Manns- und Weibsstrümpfe", Handschuhe, Hosen und andere Kleidungsstücke, auch Mützen. Als Strumpfwirker betätigten sich nicht nur die Häusler und Hausgenossen, sondern auch viele Bauern und fast alle Gärtner in den Wintermonaten.

Die ersten Strumpfwirker werden zu Beginn des 18. Jahrhunderts genannt. 1746 entstand in Lichtenstein eine Strumpfwirkerinnung auch mit Hohndorfer Meistern. In Stollberg wurde eine städtische Innung 1776 gegründet. Seit 1781 gehörten die Strumpfwirker aller Stollberger Amtsdörfer zur großen Innung von Hohen-eck, die sich später in die von Thalheim und die von Gornsdorf und Umgebung teilte. 1787 fand die Gründung der Oelsnitzer Strumpfwirkerinnung statt, die sich ähnlich wie die der Weber zu einer der größten ländlichen Innungen dieser Branche entwickelte mit einer Verbreitung über 157 Ortschaften Sachsens bis hin zur böhmischen Bergstadt Platten.

 

Im gebirgischen Teil der Pflege Stollberg hielt schon frühzeitig das Klöppeln als typische Frauen- und Kinderarbeit Einzug, in einigen Orten auch das Bortenweben und die Posamentenherstellung. Oft wurden in den Familien mehrere Tätigkeiten zum Erwerb des Lebensunterhaltes genutzt. Viele Männer waren auch als Wanderarbeiter unterwegs. Selbst die Dorfschulmeister arbeiteten nebenbei als Schneider, Schuster, Weber oder Wirker.

 

Von einer seltsamen Nebentätigkeit kommt aus Thalheim die Kunde. Thalheimer Strumpfwirker traten damals als Musikanten und Schauspieler auf. 1750 heißt es vom Strumpfwirker Johann Georg Veidel, daß er ein „Musicus instrumentalis" sei. Weitere drei Thalheimer werden als Musiker und Komödianten genannt. Auch 1754 führte ein Thalheimer Wirker die Bezeichnung „Comoediant". Thalheimer Komödianten und Weihnachtsspieler gaben Anlaß zu einem kritischen Artikel im „Erzgebirgischen Volksanzeiger". Ihre Auftritte führten zu behördlichen Ermittlungen wegen Verstoßes gegen „Religion und gute Sitten".