Genau genommen beginnt die Geschichte unseres Zwönitztales bereits vor 20 bis 50 tausend Jahren. Wahrscheinlich waren es fellbekleidete Jäger, die durch den wilden dunklen Wald erste Pfade über den Kamm des später so genannten Erzgebirges nach der Südseite, dem späteren Böhmen, suchten und anlegten. Was sie dazu bewog, ihr Leben zu riskieren, wissen wir nicht. Wahrscheinlich war es Hunger oder das unwirtliche Klima auf der Nordplatte des heutigen Erzgebirges. Auf der Südseite war es jedenfalls wärmer und besser für Ackerbau und Viehzucht. Wir wissen in jedem Fall, dass die Pässe über den Erzgebirgskamm schon sehr lange vor der ersten bekannten Besiedlung bestanden.

Tatsächlich belegt ist unsere Geschichte etwa ab dem 4. Jh. n. Chr.. Erste Slawische Stämme rücken von Osten in das spätere sächsische, brandenburgische und mecklenburgische Gebiet vor. Etwa 100 Jahre später kommen die Böhmen, Tschechen, Milczener, Lutizier, Obotiten und Sorben. 

Speziell die Sorben  siedeln immer weiter in unser Gebiet und besiedeln im 9. und 10. Jh. bereits die heutige Linie Eibenstock-Schlettau-Zöblitz-Sayda.

Ihre Ortsgründungen sind vielfach heute noch vorhanden (wie Zwönitz, Lößnitz oder Chemnitz. Die Endung „-itz“ ist slawisch und bedeutet soviel wie „befestigte Stätte“ oder „Ort“ – in jedem Fall aber eine Siedlung). Chemnitz bedeutet z.B. „Steinige Wohnung“ oder „Steinige Burg“. So ist es nicht verwunderlich, dass man heute im Erzgebirge mehrere „Chemnitz“ findet. Zur Unterscheidung zur Stadt „Chemnitz“ wurde später „Dorf“ vorgesetzt. Um 900 war z.B. die Stadt Chemnitz ein Kolonieort, der zusammen mit anderen Festungen im Vogtland und Ostthüringen u.a. die Christianisierung durchzusetzen hatte und dem Kaiser treu ergeben war.

Unter Heinrich I. gehörte unsere Region zum Markgrafentum Osterland, dass von Wettin nach Zörbig und von Naumburg bis um Chemnitz reichte. Mit Heinrichs Sohn Otto I. sollte nun das Christentum endgültig durchgesetzt werden. Götzentempel, heilige Haine und entsprechende Rituale wurden (notfalls mit dem Schwert) abgeschafft. Allerdings: So richtig konsequent war man trotzdem nicht. So wurden Feiertagen, wie Sommer- und Wintersonnenwende christliche Themen wie Johannestag und Weihnachten zugeordnet. Ostern wurde mit dem heidnischen Fruchtbarkeitskult vermischt („Ostereier“). Oder die Vertreibung der Wintergeister knüpft man bis heute gerne an „Walpurgis“. Viele Sagen und Mythen und der immer noch fest verwurzelte Geisterglaube gehen auf die vorchristliche Zeit unseres Gebirges zurück.

Sorbische bzw. slawische Redewendungen, Begriffe und Ortsnamen prägen heute noch unsere erzgebirgische Kultur, Mundart und Landschaft.

Im 12. Jh. werden im heutigen Erzgebirge reiche Silbererze entdeckt. Zusammen mit dem Befehl des Kaisers Friedrich I. Barbarossa an seine Reichsministralien (Ritter) in den Provinzen führt dies u. a. zur großen Neubesiedelung des „Miriquidi“, des „Dunkelwaldes“, also des heutigen Erzgebirges, als Teil der sogen. Ostkolonisation.

Auf Befehl der Herren von der Stalburg, die der Stadt Stollberg später ihren Namen geben, von der Burg Waldenburg und von Chemnitz aus, beginnt 1170 die Besiedlung des heutigen Erzgebirges. Als Anführer dieser Kolonisation sind heute bekannt: Meinherr von Werben auf Hartenstein, die böhmischen Herren von Schönburg, zunächst zu Glauchau, Lichtenstein, Crimmitschau, später auch Stollberg, und die Herren von Wildenfels – allesamt belehnte adelige Hofbeamte, Reichsministralien und Ritter. Ihre Aufgabe war, möglichst viel Zinskraft für den Kaiser zu gewinnen und sich gegen die großen Fürsten- und Herzogtümer mit deren territorialen Ansprüchen zu behaupten. Sie leiteten die fränkischen und böhmischen Neusiedler von Chemnitz aus in die Täler der Zwönitz und Würschnitz. Es waren vor allem Bauern, die zweit- und später geboren, keine Aussicht auf Erbbegüterung hatten und deshalb das Angebot auf niedrige Zinsen und Steuern auf einige Jahre annahmen und deshalb umsiedelten. Die Herren steckten die Waldstücke an den Flussläufen selbst ab, oder überließen es den Vertretern der Kirche, die neu gegründeten Orte zu bemessen und an die Siedler zu zuteilen (sogen. Lokatoren). Es darf nicht vergessen werden, dass es bereits slawisch/sorbisch besiedelte Orte gab. Diese wurden einfach neu aufgeteilt, die Urbevölkerung enteignet und umgesiedelt. Die Besiedelung des Erzgebirges gilt als Großtat des deutschen Rittertums. „Gerechtigkeit“ hatte eine andere Bedeutung als heute: gerecht war der Stärkere, der Überlegene. Es entstand die bis heute vorhandene Waldhufenstruktur unserer Dörfer. Die Ritter legten zum Schutz ihrer Neusiedlungen überall „Wegwarten“, kleine, größtenteils hölzerne Wehranlagen an, von denen wir aber heute kaum noch Spuren finden, z.B. die Burg Greifenstein bei Ehrenfriedersdorf/Jahnsbach, die Burg Kroenstein („Krähenstein“) und die Quedlinburg, beide im Spiegelwald.   

Zur Stollberger Pflege gehörten 1297 die Orte Stollberg, Ober-, Mittel- und Niederdorf, Ober- und Niederwürschnitz, Thalheim, Gornsdorf, Dorfchemnitz, Brünlos, Auerbach, Hormersdorf und Erlbach, später durch Zukäufe der Schönberger: Jahnsbach, Oberdorf, Thum, Meinersdorf und Niederzwönitz.

Nicht alle Landadlige des 13. und 14. Jh. verstanden den Begriff „Pflege“ wörtlich. Manche sahen z.B. in Handelsreisenden zwischen Stollberg und Böhmen eine Art Freiwild, dass um Hab und Gut (und Leben) gebracht werden durfte. Das Raubritterwesen hatte zeitweise feste Strukturen. Berüchtigt waren die Isenburg, Burg Stein, das Raubschloss auf dem Kiefrig und die Rommelsburg bei dem Dorf Weißbach (Ritter von Uttenhofen). Ganze Landstriche waren unsicher. So konnten Pfarrstellen in Hartenstein, Thierfeld und Beutha lange Zeit nicht besetzt werden, da sie nahe am „Böhmischen Walde“ lagen und immer wieder Ziel von Raub und Zerstörung waren. 

Stollberg geht bis ins 15. Jh. durch viele Hände, ist vielmals Pfandobjekt, verursacht durch Misswirtschaft der Herren, Dürrejahre, Pest und Kriegskosten und wird schließlich 1473 von Mathias von Lazan, einem kurfürstlichen Hofbeamten, an Dietrich von Schönberg, Bischof von Meißen, verkauft. Stollberg war zu dem Zeitpunkt bereits kurfürstliches Eigentum, da Kaiser Sigismund von Luxenburg die Kriegskosten der Hussitenkriege nicht an Kurfürst Friedrich I. (dem Streitbaren) zahlen konnte und so Stollberg als Pfand bereits 1422 verspielte.

Die Schönberger teilten sich die Herrschaft Stollberg unter sich und ließen Stollberg in kurzer Zeit aufblühen. Der letzte Schönberger Heinrich III. von Schönberg-Stollberg verkauft kurz vor seinem Tod 1494 Stollberg an Kurfürst August, angeblich um Erbstreitigkeiten zu vermeiden. Die Schönberger ziehen sich auf ihr Rittergut in Niederzwönitz zurück.

Die nachfolgenden Jahre sind von der Pest und verheerenden Kriegen geprägt, die Stollberg und alle Orte in bitterste Armut, Not und Elend stürzt:

1525 Bauernkrieg

1546-47 der Schmalkaldische Krieg

1618-48 der Dreißigjährige Krieg

1625-80 die Pest im Erzgebirge

1700-21 der Nordische Krieg

1756-63 der Siebenjährige Krieg

1771 die Hungerjahre im Erzgebirge

1789 die franz. Revolution

1812-13 Befreiungskrieg

1848 Mairevolution

1870-71 Deutsch-Französischer Krieg

Speziell die Pest zieht sich vom 15. bis 17. Jh. durch immer wiederkehrende Wellen des Todes wie ein roter Faden durch die leidgeprägte Geschichte des Erzgebirges.

Der Name Erzgebirge geht übrigens nicht auf das Gebirge zurück, sondern ist die Mehrzahl des mittelalterlichen Ausdrucks für Bergwerk, also das Land der „Erz“-Bergwerke.

Neben dem Bauerntum, und ebenso Grund der Besiedlung, ist der Bergbau im Erzgebirge ein wichtiger Bestandteil der Geschichte und ist namensgebend für die Region.

Bereits 1168 wird der erste reiche Silberfund im Freiberger Gebiet urkundlich. 40 Jahre später wird mit Freiberg die erste auf Bergbau zurückzuführende Stadt gegründet.

Doch erst im 15 Jh. kommt es zur (2.) Blüte des Bergbaus, vor allem durch den Fund am Schreckenberg zu Annaberg. Das große „Berggeschrey“ zog tausende nordbayrische, fränkische und mitteldeutsche Siedler in den immer noch finsteren und unwegsamen Miriquidi-Wald.

Aber auch viele andere Gewerke profitieren von der steigenden Zahl neuer Funde. Und so entstehen an den Flussläufen der Täler Schmelzhütten, Pochwerke und unzählige Hammerwerke, wie die Hammermühle in Dorfchemnitz, heute Sägewerk Weber.

Ab dem 16. Jh. nehmen die Erzfunde ab. Neue Erwerbsquellen entstehen: Papiermühlen, Ölmühlen usw. Es wurden Garne und Leinen produziert.

Nun muss man allerdings anmerken, dass trotz Zugehörigkeit der Pflege Stollberg zum Erzgebirgskreis (den gab’s damals schon), der Bergbau im Zwönitztal keine große Bedeutung hatte, da keine reichen Vorkommen gefunden wurden. Wir wissen heute, dass in fast allen Orten Bergbau und entsprechende Gewerke betrieben wurden, jedoch ohne große Ausbeute.

Zwönitz wurde Bergstadt, der Abbau der Erze fand aber bei der späteren Stadt Annaberg statt. Man spricht von geringem Bergbau in den Ortschaften. Es gab Bergbau z.B. in Hormersdorf (z.B. Gödel-Stollen – er geht auf Bergbau auf Grundstücken unser eigenen Familie zurück) oder Dorfchemnitz (es gab Gruben von 1564 bis 1596). Dies alles ist nicht vergleichbar mit dem sprichwörtlichen reichen Silber-, Zinn- und Kobald-Segen in Annaberg und Freiberg und an anderen Revieren des Obererzgebirges.

Das Ende des Bergbaus setzte der Siebenjährige Krieg (1756 – 63). Nach dessen verheerenden Auswirkungen auf das Erzgebirge erholte sich der Bergbau nicht mehr. Neue, bis heute mit unserer Region fest verbundene Tätigkeiten dienten aber bereits lange vorher zum zusätzlichen kargen Broterwerb: Holzbearbeitung, es wurden Teller, Spinnräder usw. produziert, später Spielzeug. Neben dem Bergbau entwickelt sich ab dem 16. Jh. die Spitzenklöppelei durch die Elterleiner Geschäftsfrau und Verlegerin Barbara Uthmann zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor der Region. Es ist allerdings nicht richtig, dass sie die Klöppelkunst ins Erzgebirge gebracht hätte, diese gab es hier schon immer. Vielmehr ist sie an der erfolgreichen verlagsmäßigen Vermarktung dieser Handwerkskunst maßgeblich beteiligt.   

Aber zurück zu unserer Geschichte.

Hormersdorf 1758: Die Witwe von Gottlieb Göthel (Gödel), eines Fuhrmanns Sohn aus Zwönitz, Eva Elisabeth, geb. Arnold, übernimmt den Hof von ihrer Mutter. Sie war ebenfalls Witwe. Eva Elisabeths kleiner Sohn Karl Gotthilf hat wahrscheinlich vor Hunger nicht schlafen können, denn es ist Krieg im Erzgebirge. Und die nachfolgenden Jahre wird man “die Hungerjahre” nennen: extreme Witterungslagen, keine Ernte, Hunger, Krankheit und hohe Sterblichkeit werden das Leben bestimmen. Karl Gotthilf ist der direkte Vorfahre der heutigen aus Hormersdorf stammenden Gödels. Dass er überlebt hat, war die Voraussetzung, dass es uns Gödels gibt.  Mehr dazu in der Genealogie unter „Privat“ (im geschützten Bereich).

Herrschaft im Zwönitztal um 1250

Herrschaft im Zwönitztal um 1400