Geschichten um Karl Stülpner

 DER SICHERE UNTERSCHLUPF

 Im Jahre 1795 kann man mancherorts einen Steck­brief mit der Aufforderung lesen, bei der Habhaft­werdung des Raubschützen, Karl Heinrich Stülpner, behilflich zu sein. Die Beschreibung spricht von einer langen Statur, die einen grünen Tuchrock, schwarzledernes Koppel nebst Hirschfänger und Fangleine trägt, auch eine Jagdtasche, Flinte oder Kugelbüchse sowie ein großes Messer bei sich führt. Derjenige, welcher ihn zur Inhaftierung bringt, oder zu dessen Verhaftung beiträgt, erhält eine Beloh­nung von 5o Talern. Wie wir bereits an anderer Stelle erfuhren, war das für die damalige Zeit ein gutes Stück Geld. Wer sollte ihn aber zur Strecke bringen, konnte er doch mit der Unterstützung vieler rech­nen? Der Pockauer Amtsfischer hatte ihn häufig zu Gast, beim Baldauf Lob versteckte er das erlegte Wild. Auf verschwiegenen Wegen fuhren es andere über die Grenze nach Böhmen. Und wenn Soldaten ein Dorf nach ihm durchsuchten, fand er immer wie­der einen sicheren Unterschlupf. Der Wildschütz Stülpner war bei seinen Landsleuten beliebt, hatte er doch mit den herkömmlich gefürchteten Räubern nichts gemein. Ältere Leute erinnerten sich noch mit Schrecken an das unmenschliche Hausen einer Räu­berbande in den Jahren 1750-55, In diesem Teil des Erzgebirges blieb kaum eine Gemeinde von den schlimmen Einbrüchen verschont. 45 ehemalige Bauern, die sich zu dieser Bande zusammenge­funden hatten, überfielen einzelne Häuser in der Abenddämmerung, raubten, was sie bekommen konnten, fesselten die Bewohner und ließen sie dann einfach liegen. Ihr Anführer wurde später von seinen eigenen Leuten gerichtet, alle anderen gingen durch Verrat im Februar des Jahres 1755 in die Falle. Sie legten alle ein Geständnis ab und erhielten ihre ge­rechte Strafe. Acht davon wurden in Wolkenstein hingerichtet und aufs Rad geflochten.

Nein, dieser Stülpner Karl war anders. Die Mächti­gen spürten dies wohl auch. Hatte man aber nicht lange genug duldendes Stillschweigen dem Deser­teur und Wilddieb gegenüber gezeigt? Und er trieb es immer ärger, denn Stülpner hatte nunmehr seine Jagdgebiete auf große Teile des Erzgebirges und der Grenzregionen des Böhmerwaldes ausgedehnt. Ein riesiges Revier, von ungeahnten Ausmaßen, das er sein »eigen« nannte. Verständlich, daß er Gefährten brauchte, um den Handel im großen Maßstab zu führen. Hier war trotz seiner ungebrochenen Popu­larität nicht mehr Fingerspitzengefühl, sondern ener­gisches Handeln gefragt. Und so fehlte es nicht an entsprechenden Versuchen, die sich häufig zu amü­santen Begebenheiten ausweiteten, wie die folgen­den Beispiele zeigen sollen.

Eines schönen Tages durchstreifte Stülpner mit seinen Gefährten wieder einmal den Marienberger Forst, als ein brechendes Geräusch ihre Aufmerk­samkeit erregte. Stülpner gewahrte einen stattlichen Achtzehnender, der kopflos flüchtend dahinjagte. Ohne lange zu überlegen, riß er die Büchse an die Wange, ein scharfer Knall durchpeitschte die Luft, und die Hatz war beendet. Schnell schafften die Be­gleiter den Hirsch in einen sicheren Unterschlupf, währenddessen unser Wildschütz eine Anhöhe er­klomm, um nach den Verfolgern Ausschau zu halten. Was mußte er da erblicken? Reiter vom Marienber­ger Kürassier-Eskadron nebst Landleuten und Forst­bediensteten näherten sich seinem Standplatz. Sie sollten ihn nicht bekommen. Rasches Handeln war vonnöten, um der drohenden Verhaftung zu entge­hen. Lautlos, wie ein Waldläufer, eilte er davon, Spu­ren verwischend war er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Nun näherte sich die Streitmacht und entdeckte frohlockend die Abschußstelle. Aber wo war das erlegte Wild, wo weiterführende Spuren? Nichts! Trotz intensiver Nachforschungen mußte man schließlich unverrichteter Dinge aufbrechen.

Nachdem die gescheiterten Fänger sich der böhmischen Grenze zuwandten, kamen nach einer Weile alle drei Wilderer mit der gesicherten Beute aus ihrem Versteck und begannen auf einer Lich­tung, diese weidmännisch zu zerwirken. Nun ver­staute man alles Wildbret in bereitliegenden Säcken und begab sich auch auf den Weg zur Grenze. Bald überholte sie ein Vierspänner, dessen Kutscher nach einem angemessenen Trinkgeld auch bereit war, die gefährliche Ladung mit über die Grenze zu nehmen. In sicherem Abstand, gewissermaßen als Begleit­schutz, folgten sie dem Gefährt unauffällig. Noch wa ren sie niemandem begegnet, als die Dunkelheit her­einbrach. Der schwergewichtige Wagen näherte sich dem Grenzort Reitzenhain, und schließlich passierte er den Gasthof. Dort hatte sich das gesamte Streifen­korps versammelt, um vielleicht doch noch die er­hoffte Menschenbeute zu bekommen. Doch, unbe­merkt in der pechschwarzen Nacht, ohne diese Tollkühnheit nur zu erahnen, gelingt den Verwege­nen der Durchschlupf. Sicher im Böhmischen, atmete nun der Fuhrmann erleichtert auf und lehnte das versprochene Trinkgeld dankend ab.

 Von all den überlieferten Abenteuern unseres Stülpner sind die meisten davon nicht mehr nach­prüfbar. Die kühnste Tat ist allerdings urkundlich be­legt und soll natürlich nicht verschwiegen werden.

Der Obrigkeit war es bald über, von ihm immer wieder an der Nase herumgeführt zu werden. Und so beschloß man, dem ungehemmten Treiben ein Ende zu bereiten. In einem Schreiben an den Oberforst-und Wildmeister v. Zeng in Bärenfels wird davon be­richtet:

»Hoch wohlgeborener Herr Gnädiger Herr Cam­merherr!

Auf ergangene Hohe Verordnung untern dato Wolkenstein den 8. October a. c., allwo ich nebst dem Förster Töpel angewiesen wurde, auf Verlangen de­rer Adelisch-Einsiedelischen Gerichten zu Scharfenstein, ... haben wir, ich der Oberförster nebst Förster Töpel, auf Ersuchen des Gerichts-Verwesers Herrn Inspecteurs Carl Wilhelm Friedrich Günthers, uns den 12ten October abends um 6 Uhr in Wolkenstein eingefunden, um die arredirung des vorberührten Deserters Stilpners zu verabreden. Um 8 Uhr abends trafen der Herr Leutnant Öhlschlägel mit 2 Un­terOfficirs und 24 Mann Musquetirs zu dieser Expe­dition allda ein. Nun wurde darüber berathschlaget, und entlich festgesetzet, wie wir diese arredirung unternemen und ausführen wollten.«

Man mußte also zuverlässige Informationen erhal­ten haben, das Vögelchen im heimischen Nest über raschen zu können. Interessant ist noch, daß die Aktion nicht von dem erkrankten Thumer Gerichts­direktor geleitet wurde, sondern von seinem Sohn, dem Gerichtsgehilfen Carl Wilhelm Friedrich Günther mit der großzügigen Unterstützung einer kleinen Streitmacht. Nachdem man sich nun heim­lich vergewissert hatte, daß der Deserteur und Wild­dieb Stülpner sich in seiner heimatlichen Behausung befand, schritt man entschlossen zur Tat. Die Mitter­nachtsglocke hatte bereits geschlagen, tiefschwarze Nacht lag über dem Tal, und ein herbstlich kühler Wind pfiff um die ärmlichen Hütten, als eine finstere Schar sich dem Stülpnerschen Haus näherte. Dies wurde in größter Vorsicht umstellt, daß auch nicht eine Maus entkommen konnte. Donnerndes Schla­gen an die Haustür durchschnitt die Stille der Nacht. Als endlich geöffnet wurde, besetzte man in Windes­eile die Behausung und durchsuchte alles auf das Eifrigste. Doch vergebens, er war nicht auffindbar. In dem bereits zitierten Brief heißt es dazu weiter:

»Bis entlich früh gegen 3 Uhr fanden wir nachste­hende Sachen, als i. ein altgrün Jagd-Colet, so ziem­lich abgetragen, 2. einen grünen Tuchrock, in wel­chem sich ein Pulfer-Horn mit Pulfer und Werck befunden, 3. einen Hirschfänger, welcher ganz neu und scharf geschlieffen war, 4. eine Jagd-Flinde, wel­che aber lange Zeit nicht in Brauch gewesen, 5. ein gesteckte Messer, scharfgeschlieffen, und 6. eine große Jagd-Tasche von Dachs-Haut. Alle diese Sa­chen nahm der Gerichts-Verwalther zu sich in Ver­wahrung.«

Wie war das nur möglich? Trotz genauester Pla­nung und stillschweigender Vorbereitung war erneut ein Unternehmen zur Ergreifung des Stülpners fehl­geschlagen. War er vielleicht doch gewarnt worden? Aber es sollte für die Fänger noch ärger kommen.

Unterdessen brach nun der neue Tag an, und man ließ zwölf Untertanen zur Verstärkung der Wachen herbeirufen. Auch der Herr Ortsrichter wurde auf­gefordert zu erscheinen, doch dieser verspätete sich. Weswegen? Bereits auf dem Anmarsch stand plötz­lich unser Wildschütz vor ihm und verlangte eine Auskunft über das Geschehen. Da der verdutzte Richter keine klare Antwort herausbrachte, ver­schwand Stülpner wieder mit der Bemerkung, er werde nur seine Kugelbüchse holen. Nun entstand die Vermutung, daß er sich bei einem Vertrauten ver­steckt gehalten habe.

Aber wo sollte denn das gewesen sein? Des Rätsels Lösung ist einfach und doch so bemerkenswert. Be­reits kurz nach seiner Rückkehr im Jahre 1794 hatte Karl Stülpner die siebzehnjährige Ortsrichterstoch­ter Johanne Christiane näher kennengelernt. Auf Grund der angesehenen Stellung ihres Vaters und der offiziell verbreiteten negativen Meinung zu Stülp­ner, war nur eine heimliche Verbindung möglich. Ob der Ortsrichter Wolf und seine Frau Johanne So­phie davon wirklich nichts wußten, sei dahingestellt. Vielleicht kannten sie aber auch den starken Willen ihrer Tochter und ihre Konsequenz zu gut, sich nicht bevormunden zu lassen. Nun ahnt man als aufmerk­samer Leser bestimmt schon, wo unser Wildschütz

den sichersten Unterschlupf für diese für ihn so ge­fahrbringende Nacht gefunden hatte. Richtig, des Ortsrichters Haus hatte bewahrend seine Fittiche über ihn ausgebreitet und ihm dazu noch eine freud­volle Nacht ermöglicht. Ganz im Gegensatz zu seinen Fängern, die übermüdet nun endlich die Suche ein­stellten.

Der Offizier, der Gerichtsverwalter und die Forst­bedienten begaben sich jetzt aufs Schloß, um sich von den Strapazen etwas zu erholen und den Pferden Futter geben zu lassen. Das Militärkommando früh­stückte indessen in der nahen Schenke und bereitete sich auf den Rückmarsch nach Annaberg vor. Auf dem Schloß waren die Herren sich einig, das Unter­nehmen zu beenden, da ein erfolgreicher Abschluß nicht mehr in Aussicht stand.

Doch hören wir, was der Briefschreiber dazu aus­führt:

»In dieser Meinung lassen wir die Pferthe vor­führen. Ich und der Förster Töpel waren also die er­sten und reithen ab. Da wir ongefähr 50 Schritte über den Schloßhoff weg sind und an das Thor kom­men, so sehen wir ongefähr 100 Schritte vor uns ei­nige Mannschaft streiten und schlagen, wißen aber nicht, wer es ist, noch weniger, weß dieses zu bedeu­ten haben soll. Auf einmal aber sehen wir, daß ein Cerl mit einer Kugel-Büchse auf uns anschlägd und mit gräßlicher Stimme schreid: >Hald! Hald! Ihr tau­send Sacramenter!< Darauf der Töpel: >Das ist Stilp­ner.< Sogleich wenden wir, um hinter das Thor zu reithen, um sicher dort zu seyn. Allein, in dem Mo­ment, da wir die Pferthe wenden, so giebt der Cerl Feuer und schießt mir mein Pferth unter den Leibe mit der Kugel auf die rechte Keule. Und damit läuft er davon.«

Nach einer Weile nun trafen die verstörten Leute ein, welche die requirierten Sachen des Wildschüt­zen nach Wolkenstein hatten bringen sollen. Sie er­zählten, daß Stülpner sie ihnen wieder abgenommen und gedroht hatte, jeden zu erschießen, der sie nicht sofort freiwillig herausgäbe. So endete die merkwür­dige Aktion mit einem eindeutigen Fehlschlag.

Die Überlieferung berichtet noch, daß Stülpner bis zum Einbruch der Nacht die Burg belagert habe. Dem Förster ließ er später noch mitteilen, der Schuß habe nicht seiner Person gegolten, doch solle man ihn in Zukunft lieber in Ruhe lassen.

Der Schreiber kommt in seinen ausführlichen Dar­legungen zu einem ganz anderen Schluß:

»Den anderen Tag, als den i 4, October, kommt ein hiesiger Pachter nahmens Nobiß aus dem Wald ge­fahren und hat sich ein bißchen Reißig erhollet. Da er an meine Hausthüre kommt, so hält er stille und sagt mir: Diesen Mittag sey er an der sogenannten Schuhlmeister-Wiese am fliegel 3 gewesen. Da sey ein Mensch in einem grünen Jagd-Colet, eine Kugel-Büchse tragent, zu ihm gekommen, habe nach dem Ober-Förster gefraget und mir sagen laßen, ich sollte hinauskommen, er habe noch eine Kugel, welche er mir auf den Kopf schießen wolle .. ,

Ein solches alles haben Ew. Hochwohlgeboren Gnaden unterthänig anzeugen und zugleich fragen wollen, wie wir uns in Zukunft bey allen diesen Vor­fellen ferner zu verhalten haben. Ob ich gleich un­terthänig versichere, daß ich in meinem ganzen Le­ben das Wort Furcht nicht gekannt, aber mich von einen Schlechten Cerl vielleicht auf eine infame Art und Weise dodt schießen zu lassen, wäre einfäldig von mir gedacht ... Es wäre überhaupt von dieser ganzen Affere gar viel zu sprechen. Und ich wünsche nur die Gnade zu haben, Ew. Hochwohlgebor, Gna­den mündlich darüber zu sprechen ...

Ew. Hochwohlgebor. Gnaden

unterthänig treu gehorsamster

Christian Friedrich Pügner

Georg Gottlob Töpel

Geyer, den 16. October 1795«

Das Geschehen und die Ausführungen des Ober­försters Pügner zeigen deutlich, daß der Problemfall Stülpner einer raschen Lösung zustrebt. So erscheint es nicht verwunderlich, daß das Justizamt Wolken­stein am 16. November 1795 in einem Steckbrief mit Nachdruck darauf verweist: »... daß derjenige wel­cher bemeldeten Stilpner zum Arrest bringe, oder auch selbigen zuverläßig und mit Entdeckung sol­cher Umstände, ... zur wirklichen Haft zu bringen,

anzeigen wird, eine Belohnung von 5o Thalern zu er­warten haben solle.« Doch auch für unseren Stülp­ner mußte eine Lösung gefunden werden, konnte er doch dieses Spiel nicht ein Leben lang so weiter führen, ständig ruhelos, nirgends seßhaft und dazu vogelfrei. Gab es für ihn überhaupt noch eine Mög­lichkeit der Rückkehr ins normale Leben? Und un­ter welchen Bedingungen und Opfern konnte sie dann vollzogen werden?

 SPÄTLESE

 Helles Kinderlachen schwingt durch die Lüfte und bricht sich Bahn in den engen Gassen. Welch unge­stümes Spiel. Und doch flammt bald Streit auf, denn man kann sich nicht recht einigen, wer Räuber und Gendarm sein soll. Unbekümmerte Kinderzeit, welch schöne Zeit.

Gedankenverloren sitzt unweit davon ein alter, leicht nach vorn gebeugter knochiger Mann. Das Al­ter hat in sein braungebranntes Gesicht tiefe Fur­chen geschnitten, und seine Haut ist wetterhart ge­gerbt. Er scheint ausgeglichen und treuherzig in seinem Wesen zu sein. Doch nun strafft sich sein Kör­per, seine Augen blitzen ungestüm, eine aufbrau­sende Hitze verratend. Eine kurze Aufwallung, und die Glut ist bald wieder verloschen, schweigend ver­sinkt er wieder in tiefe Stille. Was ist aus ihm gewor­den? Der einst so Gefürchtete und von vielen ein­fachen Menschen Geschätzte ist in Vergessenheit geraten. Seine sonst so ruhige Hand zittert, die Seh­kraft ist stark vermindert, und er muß sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen. Die Jahre sind verflossen, und aus der unendlichen Dunkelheit tauchen Bilder der Erinnerung auf.

Da waren die schönen Jahre mit seiner Frau Chri­stiane. 1813 kehrten sie nach einem Generalpardon ins heimische Erzgebirge zurück. Dort war er, der Stülpner Karl, gegen plündernde umhervagabun­dierende Soldaten eingeschritten. Ein eigenes Haus erwarb man und zog dann doch wieder nach Preß­nitz. Dort starb seine Frau am 31. Mai 1820. Was für ein Schlag, diese einfache und tapfere Lebensge­fährtin zu verlieren. Was war ihm das Leben noch wert? Seine einzige Tochter Eleonore heiratete, und er selbst hatte das sechste Lebensjahrzehnt fast er­reicht. Nun sollte seine Rastlosigkeit wohl allmählich in ruhigere Bahnen fließen?

Die Preßnitzer Kirchenbücher vermelden am 11. August 1823 die Heirat des Karl Stülpner mit Ma­ria Anna Veronika Wenzora. Zwei Kinder wurden ih­nen geboren, doch sollte auch hier kein ungetrübtes Familienglück aufkommen. Lag es vielleicht daran, daß seine zweite Frau dreißig Jahre jünger war? Be­reits i 828 hatte er Böhmen wieder verlassen, einsam und allein. Der graue Star plagte ihn, und nur durch die Kunst des Stadtrichters Seyfarth aus Mittweida konnte die Sehkraft des linken Auges wieder herge­stellt werden. Mit Knotenstock und Jagdtasche, den schützenden Blendschirm vor den Augen, zog er un­ruhig durchs Gebirge.

Nun war Stülpner hier in Zschopau angekommen, 72jährig nur noch ein schwacher Abglanz seiner selbst, auf Almosen angewiesen. Doch, da rief man plötzlich nach ihm. Neugierige und Verehrer waren gekommen, wollten ihn sehen und erleben. Mühse­lig erhob er sich, noch war er nicht vergessen. Sein schleppender Gang wirkte plötzlich entschlossener, rüstig schritt er nun aus. Bereitwillig nahm er in der offenen Runde Platz. Gespannt waren alle Augen auf ihn gerichtet. Zögernd, nach Worten suchend, be­gann er. Sein erzgebirgischer Dialekt war ihnen ver­traut und manche Geschichte auch. Und seine Spra­che wurde sicherer, fesselnder und steigerte sich. Jugendliches Feuer war über ihn gekommen, riß ihn und seine Zuhörer mit und versetzte sie in eine längst vergessene Zeit. Landschaften, Personen, Farben und Abenteuer tauchten auf und hielten die Anwe­senden gefangen. Der letzte Ton war längst verklungen, als sich die Anspannung endlich löste und einer nach dem anderen, dem Stülpner die Hand schüt­telnd, die Runde verließ. Erschöpft lehnte er sich zurück, müde und abgespannt. Doch was war das. Eine junge Frau saß noch wie verzaubert und rührte sich nicht von ihrem Platz. Sie war ihm bereits bei einer früheren Erzählrunde aufgefallen. Warum war

sie wiedergekommen und jetzt nicht gegangen? Sie        1 schaute ihn an, und er wußte, seine Glut war noch nicht verloschen.

Die Nacht war längst hereingebrochen, lautlos und still. Der Mond schien fahl durch das kleine Fenster einer Dachstube, und der greise Stülpner brachte vielleicht zum letzten Mal seine Saiten zum wohlklingenden Schwingen. Liebevoll, zärtlich und mitfühlend. Am nächsten Morgen greift er aber be­reits wieder zum Wanderstab, ruhelos, eigensinnig und mißtrauisch. Dieses Revier war ihm noch geblie­ben, aber auch dies konnte ihn nicht mehr am Orte halten. So erfährt er Monate später am 7. Juni 1835 in der Ferne, daß Augustine Wilhelmine, die 24jährige Tochter eines Zschopauer Leinenwebers, ihr gemeinsames Kind Amalie geboren habe. Diese letzte aufflammende Leidenschaft sollte ohne Fol­gen bleiben, denn zu vererben hatte er sowieso nichts, und das Kind starb bereits am 29. Februar des Jahres 1836.

 LEBENSDATEN
DES KARL STÜLPNER

 30.9. 1762 Geburt in Scharfenstein

1778 Teilnahme am Bayri­schen Erbfolgekrieg als Troßknecht

1780 Freiwilliger beim Regiment »Prinz Maxi­milian« in Chemnitz

1785 Desertiert beim Rück­marsch von einem Manöver

1794 Beginn des großen Treibens als Wildschütz; Bekanntschaft mit Johanne Christiane Wolf

1795 Verordnungen zur Ver­haftung Stülpners; Belagerung der Burg Scharfenstein

1799 Tochter Hanne Eleonore unehelich geboren

1800 Rückkehr zum Regi­ment nach Chemnitz

1807 Desertiert nach Böh­men

1820 Tod seiner 1. Ehefrau

1823 2. Eheschließung mit Maria Anna Veronika Wenzora in Preßnitz

1828 Rückkehr nach Sachsen

24. 9. 1841 Tod — begraben in Großolbersdorf