Nachfolgend ein Auszug aus der Festschrift anlässlich des 350jährigen Kirchweihjubiläums St. Jakobi Stollberg, Autor: Michael Wetzel:

Die Anfänge des kirchlichen Lebens in Stollberg

Besiedlung, Herrschaftsbildung und Kirchenorganisation

 

 

Die Anfänge des kirchlichen Lebens in Stollberg reichen bis in die Zeit der Siedlung des Westerzgebirges zurück. Neben bäuerlicher Rodungs- und Siedlungstätigkeit, Burgenbau und Herrschaftsbildung hat auch die Kirche einen Beitrag zur Erschließung des Landes geleistet. Darüber geben nicht nur die im Umkreis der Herrschaft Stollberg entstandenen Klöster Chem‑
nitz (Benediktiner, um 1136), Zelle (Augustiner, 1173) und Grünhain (Zisterzienser, um 1231/35) Auskunft. Weit stärker noch verdeutlicht die flächendeckende kirchliche Raumordnung mit ihrer Gliederung des Landes in Pfarrkirchen, Filialkirchen und eingepfarrte Orte, daß Kirchengründung und

Kirchenorganisation als direkte Folge der vorausgehenden Siedlungsbewe­gungen anzusehen sind.  Mit den Bauern und den sie führenden Herrenge­schlechtern kamen ganz selbstverständlich auch Geistliche in die gerodeten Gebiete. Flurkartenanalysen zeigen, dass in einigen Fällen schon bei der Ein­teilung und Vermessung der Dorffluren und bei der Ansetzung der Siedler Rücksicht auf die Stiftung einer Pfarrkirche genommen wurde.

 

Urkundlich fassbar sind solche Vorgänge freilich nur in den seltensten Fällen. In Ermangelung schriftlicher Quellen muss vieles Vermutung bleiben. Aus dem Siedlungsverlauf, der als ein schrittweises Vordringen der Siedler vom Muldental bis in die Kammregion des Erzgebirges beschrieben werden kann, lassen sich die letzten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts als Beginn des Siedel­werkes um Stollberg annehmen. Stollberg und die umliegenden Dörfer sind allesamt als Waldhufendörfer gegründet worden. Die Stadtwerdung Stoll­bergs erfolgte erst später, wie noch zu zeigen sein wird. Eine Burg Stollberg lässt sich urkundlich erstmals 1244 nachweisen. Sie dürfte allerdings mindestens 50 Jahre älter sein. Als Mittelpunkt der gleichnamigen Herrschaft zeichnete sie sich durch ihre strategisch günstige Lage auf einem Gelän­desporn, dem Hohenecker Felsen, aus.

Als Erbauer der Burg und erster Besitzer der Herrschaft Stollberg gilt das Adelsgeschlecht der Erkenbertinger. Die Eigentümlichkeit des Namens er­klärt sich daraus, dass der Rufname Erkenbert bei dieser Familie in fast jeder Geschlechterfolge auftritt. In Urkunden benannte sich das weit verzweig­te Geschlecht allerdings nach seine weiteren Besitzungen wechselweise als Herren von Tegkwitz, Burggrafen von Starkenberg oder Burggrafen von Dö­ben.4 Erst am 21. März 1287 bezeichnete sich Erkenbert VIII., Burggraf von Starkenberg, in einer Urkunde des Markgrafen Dietrich von Wettin für das Kloster Sornzig zugleich auch als „burchgravius de Stalburch". Nur vier Jahre später, am 17. Januar 1291, tritt ein Albert, Burggraf von Starkenberg, genannt von Stollberg („dictus de Stalburch"), sogar als Urkundenaussteller auf, Neben diesen einwandfreien Belegen gibt es jedoch zeitlich früher liegende indirekte Erwähnungen, die es überaus plausibel machen, in den Erkenbertingern die ursprünglichen Besitzer der Herrschaft Stollberg zu sehen. Als solche müssen sie auch eine entscheidende Rolle bei der Einrichtung und gestalterischen Fortentwicklung des Kirchenwesens in ihrem Herrschaftsbereich gespielt haben. Nichts spricht dagegen, die Erkenbertinger als Gründer der ältesten Stollberger Kirche anzusehen. Dies war nun allerdings nicht die heutige Stadtkirche St. Jakobi, sondern die an einem alten Straßenkreuz entstandene Marienkirche. Ihre heutige Anlage ist nicht der ursprüngliche Bau. Der bauliche Befund vermag aber zumindest Reste einer ehemals romani­schen Kirche aus der Zeit um 1225 nachzuweisen.

 

Umstritten ist, welche Funktion der Marienkirche bei ihrer Gründung zukam.

Hermann Löscher sieht in ihr die Urkirche der gesamten Herrschaft Stollberg, in die alle übrigen Orte eingepfarrt waren. Erst später seien durch Absplitterungen selbständige Pfarrkirchen in Thalheim, Dorfchemnitz, Hormersdorf und Niederzwönitz entstanden. Walter Schlesinger hält dem entgegen, dass „Herrschaftskirchen" für das Westerzgebirge untypisch seien, vielmehr hier von vornherein Kleinparochien parallel zueinander gegründet worden seien. Die Ansicht Löschers, obwohl sie nicht zweifelsfrei bewiesen ­werden kann, erhält jedoch einiges Gewicht dadurch, dass der weitere urkundliche Befund auf eine bedeutende Stellung Stollbergs über die Herrschaftsgrenzen hinaus schließen lässt. Eine solche wird man aber wohl eher bei einer Herrschaftskirche als bei einer Kleinparochie vermuten. Ausgedrückt wird die kirchliche Bedeutung Stollbergs zum einen in dem relativ häufiges Auftreten seiner Pfarrer in mittelalterlichen Urkunden. Als erster namentlich erfasster Pfarrer erscheint ein „Dominus Hermannus, pleban­us in Stalebur[ch]" in einer Bestätigungsurkunde vom 12. März 1296. Die Urkunde hat Propst Erhard, die Äbtissin Agnes und den gesamten Konvent des Nonnenklosters Frankenhausen bei Crimmitschau zum Aussteller. Für die Stollberger Kirchengeschichte erhält diese Urkunde besondere Be­deutung, weil sie interessante Verbindungen des örtlichen Kirchenwesens mit dem Kloster Frankenhausen aufzeigt. Ursprünglich waren einige hier befindlichen Nonnen im benachbarten Grünberg beheimatet gewesen, doch wurden sie noch vor 1296 nach Frankenhausen verlegt. Grünberg wiederum geht auf eine Gründung der erkenbertingischen Burggrafen von Starkenberg zwischen 1260 und 1271 zurück, die das Kloster auch als Grablege nutzten. Das politische Beziehungsgeflecht der Erkenbertinger ließ also das Stollber­ger Kirchenwesen nicht unberührt. Die Verbindungen nach Frankenhausen­-Grünberg rissen auch dann nicht ab, als die Erkenbertinger ihre Herrschaft Stollberg noch vor 1299 an die ihnen verwandten Schönburger verkaufen mussten. Ganz im Gegenteil: Die weiteren urkundlichen Erwähnungen Her­manns belegen, dass dieser irgendwann zwischen 1296 und 1299 in Nach­folge des bereits genannten Erhard selbst zum Propst des Klosters ernannt wurde. So wird Hermann in Urkunden Friedrichs von Schönburg einfach nur als Probst „prepositus“ (14. Oktober 1299), aber auch als „Probst von Vranckenhusen" (24. Januar 1306) und sogar als „praepositus (Probst) de Stalburck“ (Datierung unklar) bezeichnet." Eine solche Stellung lässt vermu­ten, dass Hermann möglicherweise Angehöriger eines adligen Geschlechts war. Zumindest trifft dies auf seinen Nachfolger Nicolaus von Kowitz zu, der erstmals in einer Urkunde vom 27. Februar 1345 als „plebanus (Pfarrer) de Stalburg“ genannt wird. Jene Urkunde erwähnt zugleich auch einen „do­minus Albertus, cappellanus in Castro Stalburg“, also einen Burgkaplan im Dienste der Schönburger, auf den noch zurückzukommen ist.

 

Ein zweiter wichtiger Hinweis auf die gehobene kirchliche Bedeutung Stoll­bergs ist die Stellung des Ortes innerhalb der mittelalterlichen Kirchenor­ganisation. Die Einteilung Mitteldeutschlands in die Bistümer Naumburg, Merseburg und Meißen geht auf das Jahr 968 zurück. Mit der siedlerischen Erschließung des Erzgebirges seit der Mitte des 12. Jahrhunderts schoben zwei dieser Bistümer, Naumburg und Meißen, von Zwickau bzw. Chemnitz ausgehend, ihre Sprengel weit in die neu gerodeten Gebiete vor. Kirchen­grenzen deckten sich dabei in der Regel mit weltlichen Herrschaftsgrenzen. Die Herrschaft Stollberg gehörte zum Bistum Meißen und bildete zusammen mit der Herrschaft Wolkenstein zugleich dessen Westgrenze. Denn schon die benachbarte Grafschaft Hartenstein war in den Naumburger Bischofsspren­gel eingegliedert. Von beiden Bistümern sind registerförmige Aufzeichnungen ihres Umfangs, so genannte Matrikeln, überliefert. Die äl­teste Meißner Bistumsmatrikel stammt aus dem Jahr 1495.14 Sie geht aber auf eine Vorlage von 1346 zurück. Die räumlichen Verhältnisse, die diese Matrikel beschreibt, lassen sich problemlos auch auf noch frühere Zeiten übertragen. Denn ein wesentliches Kennzeichen der mittelalterlichen Kir­chenorganisation war ihr Beharrungsvermögen. So, wie sie einst während des Siedlungsvorgangs festgelegt wurden, blieben die Bistumsgrenzen bis zur Reformation bestehen. Zusätzlichen Wert erhalten die Bistumsmatrikeln dadurch, dass sie Einblicke in die innere Struktur der Bischofssprengel geben. Mit der Mehrung und Intensivierung des kirchlichen Lebens durch die Entstehung immer neuer Dörfer und Kirchspiele im Zuge der Rodungstätigkeit konnte der Bischof seiner alleinigen Aufsichtspflicht immer weniger genügen. Als Vertreter des Bischofs wurden daher vermutlich schon seit dem 12. Jahrhundert Archi­diakone eingesetzt, die die regionale Aufsicht über einen größeren Sprengel des Bistums erhielten. Die Herrschaft Stollberg war dabei dem Archidia­konat Chemnitz zugewiesen. Der dortige Archidiakon wird erstmals am 9. Juli 1254 in einer Urkunde des Papstes Innozenz XIV. erwähnt. Seit 1312 fungierte der jeweilige Abt des Benediktinerklosters Chemnitz zugleich als Archidiakon.

Die Archidiakonate wiederum gliederten sich in Kirchenkreise, sogenann­te sedes (Sitze). Im Chemnitzer Archidiakonatssprengel waren das neben Chemnitz selbst noch Stollberg, Waldenburg und Wolkenstein. Jeder sedes stand ein Dekan oder Erzpriester vor. Das musste nicht zwangsläufig der Pfarrgeistliche des sedes-Hauptortes sein. Oftmals wurde der dienstälteste Pfarrer des Kirchenkreises dazu bestimmt. In seiner Eigenschaft als Dekan waren ihm dann auch gerichtliche Befugnisse über die ihm zugewiesene Geistlichkeit übertragen.

 

Namentlich fassbar sind die Dekane der sedes Stollberg bedauerlicherweise nicht, da keinerlei schriftliche Quellen dazu vorliegen. Auch wann dieser Kirchenkreis gegründet wurde, bleibt im Dunkel der Geschichte. Indem Stollberg die sedes-Eigenschaft besaß, kann allerdings einmal mehr nachgewiesen werden, dass Stollberg als Konzentrationspunkt des geistlichen Lebens

im regionale Kontext angesprochen werden muss.

Das wird vollends deutlich, wenn man die Stollberger Pfarrkirche mit den umliegenden Kirchspielen vergleicht. Auch das ist anhand der Meißner Bistumsmatrikel möglich, da sie ein Verzeichnis aller Kirchen und Altäre des Bistums mit summarischen Angaben über das Einkommen der einzelnen Pfarrstellen enthält.

 

Demnach umfasste der Stollberger Kirchenkreis 1495:

 

Stollberg (Stadt)

auf 5 Mark geschätzt

Neukirch

4 Mark

Borckersdorf [= Burkhardtsdorf]

4 Mark

Erlabach

3 Mark

Reichenhain

2 Mark

Jansdorf

4 Mark

Dorfschwenitz  [Dorfschwemiz = Niederzwönitz]

1 Mark

Hornisdorf [Hornstorf = Hormersdorfj

5 Mark

Dorfkemnitz

1 Mark

Thalheim

2 Mark

Harthe [Harthau]

2 Mark

 

Ferner die Altäre in Stollberg:

 

Corporis Christi                                                                          1 Mark

[Fronleichnamsaltar in der Pfarrkirche]

Capella beatae virginis Mariae extra Stolbergk                              3 Mark

[Marienkapele]

Altar auf der Burg Stollberg                                                         4 Mark

und in Meinersdorf Capella beate virginis                          1 Mark

[Marienkapelle]

 

Das Verzeichnis zeigt die beeindruckende Vielfalt, die das Stollberger Kir­chenwesen zum Ende des Spätmittelalters gewonnen hat. Als Pfarrkirche Jetzt die Stadtkirche St. Jakobi genannt, während St. Marien nur noch als Kapelle aufgeführt ist. Wie es zu dieser funktionalen Ablösung kam, soll

im nächsten Abschnitt erörtert werden. Hier gilt es einstweilen nur festzu­halten, dass die Stollberger Stadtkirche mit 5 Mark Einkommen größer und einkommensträchtiger als die anderen Pfarrkirchen war. Sieht man von Hor­mersdorf ab, so fallen sämtliche Veranschlagungen deutlich niedriger als Stollberg aus.

In der Pfarrkirche St. Jakobi bestand 1495 zusätzlich ein Fronleichnamsaltar (altare corporis Christi). Er war durch eine gleichnamige Bruderschaf gestiftet worden, von deren Existenz auch die späteren Visitationsniederschriften von 1539/40 berichten. Wann sich allerdings diese Bruderschaft gegründet hat, bleibt ebenso unklar wie das Datum der Altarstiftung. Bruderschaftliche Altäre waren häufig in Städten anzutreffen. Mit solchen Altären verband sich immer eine finanzielle Stiftung, aus der ein eigener Priester (Altarist) unter­halten werden konnte, der dann nur an diesem Altar die Messe las. Aufgrund ihres geringen Verdienstes nennt Karlheinz Blaschke die Altaristen eine Art „geistliches Proletariat". Altaristen sind in Stollberg namentlich nicht nach­gewiesen. Bekannt ist lediglich, dass die milden Gaben der Bruderschaft das Stiftungsvermögen bis zum Jahr 1539 auf 590 Gulden empor gebracht hatten, aus denen jährlich rund 30 Gulden Zinsen flossen. Wenn für den Fronleichnamsaltar 1495 1 Mark angegeben wird, so verfügte der Altarist über ein Einkommen, das dem einer kleinen Dorfpfarre entsprach.

Neben der Pfarrkirche und der Marienkapelle lässt sich anhand der Bistums­matrikel die Burg Stollberg als dritter Ort geistlichen Lebens erkennen. Der dortige Altar war der Heiligen Barbara geweiht, die häufig als Schutzheilige von Burg- oder Schlosskapellen auftritt. Wie schon erwähnt, ist ein Burgka­plan namens Albert erstmals 1345 quellenmäßig fassbar. Der Kaplan stand im Dienst der Burgherren und verfügte über ein Einkommen, das ihn deut­lich besser stellte als die meisten Dorfpfarrer.

 

 

Die Pfarrkirche St. Jakobi im Kontext der Stadtwerdung Stollbergs

 

Obgleich die Marienkirche als die älteste Stollberger Kirche anzusehen ist, hat sich das geistliche Leben des Ortes doch schon bald verlagert und mit der Entstehung der Jakobikirche ein neues Zentrum gefunden. Dieser Vor­gang hängt eng mit der Stadtwerdung Stollbergs zusammen. Die Stadtanlage zeigt, dass ursprünglich ein Waldhufendorf bestanden hat, dessen Bauerngüter sich links und rechts um den Gablenzbach gruppierten.

Einen frühesten Stadtkern glaubte die ältere Forschung um die Marienkirche mit etwa dem
Marienplatz als Markt zu erkennen. Die Meißner Bistumsmatrikel von 1495
St. Marien allerdings eine „capella beatae virginis Mariae extra Stolbergk", d. h. außerhalb Stollbergs gelegen. Hermann Löscher folgerte daraus seinerzeit, dass die Marienkirche ursprünglich als Kirche für das gesamte Gablenztal  auf Mitteldorfer Flur gestanden habe und erst später nach Stollberg eingemeindet wurde. Dieser Meinung ist später widersprochen worden. Es lässt der weitere Stadtwerdungsprozess jedoch tatsächlich erkennen, dass nicht die Marienkirche selbst, sondern ein weiter östlich gelegener neuer Siedlungskern den wesentlichen Impuls zur Entstehung einer Marktsiedlung gegeben haben muss. Das bedeutet nicht zwingend, die Marienkirche als außerhalb der Stollberger Ortsflur gelegen anzusehen. Zumindest eine Randlage ist aber unbestreitbar, wofür auch bauliche Befunde Indizien liefern. So enthielten Baugutachten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Hinweise auf die asymmetrische, weil einseitige Anordnung der Fenster, die eine Belichtung der Kirche nur am Chor und einer Längsseite zuließ. Aus dieser Beobachtung mutmaßte man damals die einstige Lage der Marienkirche an einer Stadtmauer. Anhaltspunkte für eine Ummauerung des mittelalterlichen Stollbergs gibt es jedoch nicht. Die Entwicklung zur Marktsiedlung ist zweifellos durch die verkehrsgünstige Lage Stollbergs an der Kreuzung eines alten böhmischen Steiges (Altenburg-Preßnitz-Prag) mit der Chemnitzer Straße angebracht und durch die Niederlassung von Händlern und Handwerkern befördert worden. Mit der Verlegung des Siedlungsschwerpunktes nach Osten entstand eine geordnete Stadtanlage am Fuße der Burg um den heutigen Markt. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts muss diese Entwicklung zum Abschluss gekommen sein, denn als

ein städtisches Gemeinwesen „civitas“ wird Stollberg 1343 urkundlich erstmals bezeichnet.

 

Städtisches Selbstbewusstsein verlangte selbstverständlich auch eine eigene Kirche, und so ist zu beobachten, dass sich das neue Gemeinwesen parallel zur rechtlichen Trennung der Stadt von ihrem dörflichen Umland zugleich auch von der alten Herrschaftskirche St. Marien frei machte und eine eigene Stadtkirche St. Jakobi errichtete. Ein Erbauungsdatum dieser Kirche ist freilich nicht bekannt. Es ist auf jeden Fall vor 1440 anzusetzen, denn für jenes Jahr gelingt der erste schriftliche Nachweis einer städtischen Pfarrkirche. Das Auskunft gebende Dokument ist eher zufällig, allerdings nur in Kopie, erhalten geblieben. Als nämlich 1629 Diakon und Kirchvorsteher von St. Jakobi um das Nutzungsrecht an der so genannten „Diakonatwiese" stritten, wurde der Prozessakte zur Erhel­lung des Sachverhalts eine Kopie der Schenkungsurkunde besagter Wiese an die Kirche beigefügt. Die von Bürgermeister und Rat der Stadt Stollberg im Jahr 1440 ausgestellte Urkunde bestätigt, dass Nicol Reißig, „mitbürger al­hie zu Stolbergk", seine am Querenbach liegende Wiese „nach seinem Todt, [...] zu unser Stadt rechter Pfarrkirchen aufgelassen und gegeben" habe. Als Zweckbestimmung fügte der Erblasser damals hinzu: „die Altar Leutt [...] sollen solcher Wiesen gebrauchen der Pfarrkirch zu nuz". Der Wortlaut des Textes lässt keinen Zweifel, dass hier von der Stadtkirche St. Jakobi die Rede ist, zumal die erwähnte Wiese auch später im Besitz der Kirche nach­gewiesen ist.

Wie lange die St. Jakobikirche vor 1440 schon bestanden hat, bleibt Spekulation. Doch wird man die Gründung getrost um 100 Jahre früher ansetzen können. Denn es ist kaum vorstellbar, dass eine 1343 erwähnte „civitas " kei­ne Stadtkirche gehabt haben sollte.

 

Die Annahme einer Kirchengründung im Gefolge der Aufwertung des neu entstandenen Siedlungskerns zum Marktstädtchen wird nicht zuletzt durch die Wahl des Weihenamens erhärtet. Eine mittelalterliche Kirche stand nicht nur unter dem Patronat einer weltlichen Gewalt, die den Pfarrer einsetzt und für den Bau und die Unterhaltung des Gebäudes Verantwortung trug. Sie trat auch unter die Schutzherrschaft einer heiligen Person, die als Vermittler der göttlichen Gnade fungierte. Im Fall der Stollberger Stadtkirche war dies der Apostel Jakobus (der Ältere). Neben dem Heiligen Nikolaus galt insbesondere er als Schutzpatron der Händler und Kaufleute. Das Jakobs-Patrozinium, also die Schutzherrschaft des Jakobus über die ihm geweiht Kirche, ist deshalb ebenso wie das Nikolaipatrozinium unter den erzgebirgischen Markt- und Stadtkirchen weit verbreitet. Karlheinz Blaschke hat da rauf hingewiesen, dass die Kenntnis der Kirchenpatrozinien zu neuen Ergebnissen

bei der Erforschung städtischer Frühgeschichte führen kann. Wenn in einer Stadt mehrere Kirchen vorhanden sind, lassen sich Jakobikirchen tendenziell eher in den jüngeren Stadtteilen finden. Es ist in diesem Zusam­menhang von Jakobikirchen als typischen „Neustadtkirchen" gesprochen worden. Das ist in vielen norddeutschen Städten der Fall. Aber auch Chem­nitz ist ein prägnantes Beispiel dafür. Hier entstanden erst eine Nikolai- und eine Johanneskirche, die aber nach einer Siedlungsverlegung in Randlage gerieten und sogar außerhalb der neuen Stadtanlage blieben. Innerhalb der Stadtmauer wurde in Marktnähe die Jakobikirche als neue Stadtpfarrkirche erbaut. Offensichtlich weist Stollberg bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu dieser Entwicklung auf. Allerdings darf, auch wenn Stollberg den hier genannten Grundsätzen folgt, aus den Beobachtungen der Patrozinienkunde keine allzu starre Regel abgeleitet werd­en. Das Gegenbeispiel von Ehrenfriedersdorf zeigt, dass hier auf Dorfkirche St. Jakobi eine neue Stadtkirche St. Nikolai folgte. In jedem Fall ist deshalb die topographische Stellung der Kirchen im Gesamtgefüge der Stadt zu berücksichtigen.