Sagen und Geschichten um den Guten Brunnen im Streitwald

 In unmittelbarer Nähe des Klosterdorfes Gablenz lag um 1500 ein berühmter Wallfahrtsort mit einer wundertätigen Quelle, der Sankt-Annen-Brunnen, später auch Guter Brunnen genannt, und eine der Mutter Anna geweihte Wallfahrtskapelle.

Die Sage erzählt: Ännchen, die 13jährige Tochter des Jägers im Streitwald war durch die Blattern völlig erblindet. Kein Arzt konnte helfen. Das Mädchen hatte in der Nacht des St.-Annen-Tages (26. Juli) einen Traum, der ihm Hinweise gab auf die wunderbare Heilkraft einer Quelle, die im Streitwald aus der Erde sprudelte. Am nächsten Tag holte man das Wasser, benetzte die Augen des Mädchens, das bald wieder sehend wurde. Aus Dankbarkeit ent­stand an der Quelle eine St.-Annen-Kapelle, die in den folgenden Jahren von vielen Heilungssuchenden und Wallfahrern aus einem weiten Umkreis aufgesucht wurde. Man gebrauchte das Quellwasser innerlich und äußerlich und erzielte aufsehenerregende Heilerfolge gegen Gicht, Rheumatismus, Lähmungserscheinungen, Haut- und Augenkrankheiten. Seit 1498 galt die Kapelle und die Heilquelle als weitgerühmter Wallfahrtsort. Die Verehrung der heiligen Anna er­lebte zu jener Zeit im Erzgebirge einen Höhepunkt.

Der Zwönitzer Rektor Junghanß schrieb 1717 zurückblickend über die erste Blütezeit des Guten Brunnens, daß das Wasser „den Blasen- und Nierenstein zermalme, die verstopfte Milz und das kleine Geäder eröffne, die hitzige Leber curiere, die Geschwulst und das Zahnweh nähme, den Keuchenden und Engbrüstigen, den mit faulem Fieber, Schäden und Husten, desgleichen mit Reißen in Leib und Gliedern, Lähmungen und Trägheit, blödem Gesicht und Blind­heit ..." helfe. Und weiter schreibt Junghanß: „Bei diesem Brunnen Betstunden halten, gepredigt, welches wegen großem Zulauf des Volkes auf dreiästiger Tanne geschehen und ringsherum Hütten zur Bequemlichkeit aufgebaut."

Gegen 1558 ist die erste Blütezeit des Guten Brunnens zu Ende gegangen. Junghanß nannte hierfür drei Gründe: Erstens sei das Volk gegen Gott undankbar gewesen, zweitens habe Schnee und Ungewitter den Brunnen verdorben und drittens habe ein unreines Weibsbild, so Morbum Gallicum (französische Krankheit = Syphi­lis) gehabt, im Brunnen gebadet.

Zweifellos hatten Unwetter das heilkräftige Wasser mit „wildem Wasser" vermischt, wie es später auch immer wieder geschah. Infolge der Reformation hatten ebenfalls die Wallfahrten zur St.­Annen-Kapelle aufgehört.

Erst 1608 wurde die heilkräftige Quelle im Streitwald wieder entdeckt und erlangte erneut große Berühmtheit. Vor allem bei Magenbeschwerden und Hautausschlag erzielte man gute Heil­erfolge. Von nah und fern eilten die Kranken herbei, um das Wasser des Brunnens zu trinken, für den sich der neue Name Drei-Tannen­Brunnen oder Guter Brunnen einbürgerte. Das Wasser ist schon damals in verpichten Flaschen verschickt worden und diente auch zur Verabreichung von Bädern.

Zu dieser Zeit machten drei gedruckte Abhandlungen die erzge­birgische Heilquelle in ganz Deutschland bekannt. Der Plauener Rektor Martin Pfüntel verfaßte in Latein und Deutsch die Schrift „Descriptio Historica Novi Fonti, qui non ita pridem in Misniae tractu ..." und lobte überschwenglich den Ursprung, die Eigentüm­lichkeit und die Heilkraft der Quelle. Der Thüringer Arzt Brendel begründete ihre Wirksamkeit von Gold- und Silberadern her, wäh­rend einige Apotheker bereits chemische Analysen vornahmen. 1613 beschrieb Dr. Scheunemann, Leibarzt des Bischofs von Bamberg, ausführlich in Latein den St.-Annen-Brunnen in 38 Kapiteln seiner „Paracelsischen-Wasser-Weissagung". Er wetterte gegen die Na­mensumbenennung: „Es mag denen die Schamröte ins Gesicht stei­gen, die durch den Gleichklang der Worte bewogen, nach heidni­scher Art sich nicht erblödet haben, den St.-Annen-Brunnen in Tannenbrunnen umzunennen."

Ob tatsächlich die Reformation die Namensänderung bewirkt hat, ist nicht von der Hand zu weisen, aber eine dreiastige Tanne ist auch historisch belegt. Der Volksmund ging jedoch zur Bezeichnung Guter Brunnen über.

Aus dem 17. Jahrhundert sind viele Heilerfolge überliefert. Ein Lahmer, den man aus Dresden hergefahren hatte, konnte wieder laufen. Ähnliches wird von einem Fleischer berichtet, der aus der böhmischen Stadt Kaaden zum Guten Brunnen kam. „Der Herr Bürgermeister von Stollberg, welcher mit der Schwindsucht hart beladen, hat vom Heilbrunnen getrunken und ist wieder gesund geworden."

Während des Dreißigjährigen Krieges geriet die Quelle erneut in Verfall, aber 1646 wurde eine neue Quelle entdeckt, der Krätz­brunnen, der gegen hartnäckige Ausschläge half. Kurz danach sei ein blindes Mädchen aus Gablenz durch eine dritte Quelle, den Augenbrunnen, geheilt worden. 1711 wurden die beiden ersten Quellen neu gefaßt. Überall im Lande ging die Kunde, daß ein blinder Mann aus Stollberg durch eine Trinkkur wieder sehend geworden sei. An den Quellen entstanden nun einige Gebäude, an Sonn- und Feiertagen richtete man Buden und Schankzelte auf. Die Chronisten berichten, daß an manchen Tagen bis zu 600 Personen den Heilbrunnen aufsuchten. Da nur wenige der Badbesucher in den benachbarten Gasthöfen unterkamen, errichteten sich einige im Wald primitive Hütten. Rektor Junghanß führte in seiner 1717 erschienen Schrift zwanzig durch den Brunnen Geheilte namentlich auf. Von sich selbst schrieb er: „Mir, Autori dieser Schrift, hat der Brunnen gegen Ohrenklingen geholfen."

Merkwürdig ist, daß die zweite Blütezeit wieder nicht lange an­hielt, und erst nach 1800 besann man sich erneut der Quellen im Streitwald. Eine in Zwönitz gebildete Gesellschaft ließ sie neu fassen und ein Haus errichten, wo das Quellwasser auch abgefüllt und zum Versand versiegelt werden konnte. Ein Badehaus enthielt 14 Bade­stuben mit 28 Wannen. Es entstand ein Gasthaus mit Saal und Stall. Als Symbol waren drei Tannen gepflanzt worden, aber der Name Guter Brunnen hielt sich hartnäckig. In der Folgezeit hat dieser Gute Brunnen im Streitwald noch manches Auf und Ab erlebt.