Wiprecht von Groitzsch in Geschichte und Heldensage

 

In der romantisch ausgeschmückten Sage vom Untergang der Burg Greifenstein treten zwei historisch bezeugte Personen auf: Der Graf Wiprecht von Groitzsch und der böhmische Herzog und spätere König Wratislaw, Wiprechts Schwiegervater. Das kann kein Zufall sein. Die Vermutung liegt nahe, daß es schon um 1100 eine erste Landnahme, eine Wegesicherung mit befestigten Anlagen oder sogar eine Siedlungsschneise mit slawischen Ortsbezeichnun­gen im erzgebirgischen Miriquidiwald gab, nämlich von Altenburg, Glauchau und Zwickau in südliche Richtung in das damals von slawischen Stämmen besiedelte Egerland führend.

 

Wer war jener Wiprecht und welche Rolle spielte er in der Lan­des- und Heimatgeschichte? Übte der böhmische Herzog und späte­re König Wratislaw seine Macht auch im Erzgebirge aus? Die Beantwortung dieser Fragen ist von Bedeutung, denn Wiprecht ist immerhin der erste Mensch unserer Gegend, dessen Antlitz wir auf seinem Grabmal, in Stein gehauen, in der Laurentiuskirche zu Pegau kennen.

 

Wiprecht von Groitzsch

Das Adelsgeschlecht, aus dem Wiprecht kam und dessen Ange­hörige wegen der Häufigkeit des Namens die Wipertiner genannt werden, stammt aus der Altmark. Wiprechts Pflegevater Udo II., Graf der Nordmark, tauschte den Burgward Groitzsch, zwischen Leipzig und Zeitz gelegen, gegen ein nahes Erbgut ein. So wurde Wiprecht I. im Jahre 1073 Herr auf der alten slawischen Burg Groitzsch und des dazugehörigen Burgwards. Diese Bezeichnung trug damals ein militärisch organisierter Burgbezirk in der Grenz­mark. Wiprecht ließ eine neue Burganlage bauen, die heute zum Teil ausgegraben und deren Rundkapelle der älteste Kirchenbau Sachsens ist.

Der Fehderitter Wiprecht setzte sich rücksichtslos gegen seine adligen Nachbarn durch. Als dabei die Jacobikirche in Zeitz in Flammen aufging, unternahm er als reumütiger Pilger Bußfahrten nach Rom und zum Hauptverehrungsort des heiligen Jacob in Spanien. Wenn auch die Stiftung des Benediktinerklosters Pegau 1096 gleichfalls als Sühneakt angesehen wird, so stand doch dabei die Stärkung der eigenen Hausmacht im Vordergrund.

 

Die Burg Groitzsch und das Kloster Pegau entwickelten sich durch Wiprecht zu Mittelpunkten der Christianisierung der in der Gegend lebenden heidnischen Sorben und der Besiedlung durch deutsche Bauern, die vorwiegend aus Thüringen und dem Franken­land kamen, wo Wiprechts Mutter Sigena zum zweiten Mal verhei­ratet war.

 

Wiprecht von Groitzsch ist eine historische Heldengestalt, sein Leben und sein Kampf ist von vielen Legenden umwoben. Als Siedelunternehmer und Klostergründer griff er auch in die Reichs­politik ein und strebte nach der Landesherrschaft im sächsischen Raum.

Als treuer Paladin des bedrängten Kaisers Heinrich IV. unter­stützte er diesen, wenn auch nicht ganz uneigennützig, im Kampf gegen die Adelsopposition und bei den Auseinandersetzungen im Investiturstreit mit dem Papst Gregor VII. Nach dem berühmten Canossagang Heinrichs im Jahre 1077 stand er gemeinsam mit Wratislaw von Böhmen auf der Seite des Kaisers gegen den Gegen­könig Rudolf von Schwaben. Als Heinrich in der Schlacht bei Hohenmölsen geschlagen wurde, halfen Wiprecht und der Böhme dem Kaiser bei der Flucht. Im Kampfgetümmel hatte der Gegen­könig Rudolf eine tödliche Verwundung erlitten und ihm war die Schwurhand abgehauen worden, was das Volk als Gottesurteil ansah. Wiprecht begleitete den Kaiser auf mehreren Feldzügen und 1183 beim Zug nach Rom. Die Sage berichtet, wie der Recke Wiprecht auf dem Schlachtfeld den vom Feind hart bedrohten Kaiser durch persönlichen Einsatz rettete und mit List durch einen pfiffigen Helfer die Erstürmung der römischen Stadtmauer nach dreijähriger Belage­rung bewerkstelligte.

 

Durch gute Fürsprache erwirkte Wiprecht 1085 die Erhebung Wratislaws zum ersten böhmischen König. Ein Jahr vorher hatte er des Böhmens Tochter Judith geheiratet und dafür ein reiches Hei­ratsgut empfangen: den Elbgau Nissan bei Dresden und die Land­schaft Milsca um Bautzen. Reiche Schenkungen erhielt Wiprecht auch vom dankbaren Kaiser, nämlich die Burgwarde Leisnig und Colditz. Durch Erwerb thüringischer Gebiete herrschte er schließ­lich über Ländereien großen Ausmaßes und übertraf damals die Macht der Wettiner, der späteren sächsischen Landesherren.

Wahrscheinlich ist Wiprecht von Groitzsch damals auch Statthal­ter und Landrichter im Reichsterritorium Pleißenland gewesen, wozu unser Gebiet gehörte. In dieser Zeit ließ er wohl die ersten Wegwarten im Erzgebirge und seinem Vorland anlegen. Die sagen­haft überlieferten Geschehnisse um die Burg Greifenstein könnten in diese Zeitspanne eingeordnet werden.

Wiprecht rief damals die ersten deutschen Siedler in den mittel­sächsisch-erzgebirgischen Raum. So soll die Stiftung der Martins­kirche und die Besiedlung des Lungwitztales auf ihn zurückgehen. Ob auch die Errichtung der ersten kleinen Sakralbauten als Weg­kapellen, wie die St. Blasiuskiche in Niederzwönitz und die Stollber­ger Marienkirche, in diese Jahre schon eingeordnet werden kann, ist noch unerforscht. Bei diesen Aktionen, der Sicherung der Wege und bei den Anfängen der Besiedlung, hat es gewiß ein enges Zusammenwirken Wiprechts mit seinem Schwiegervater, dem Böh­menkönig, gegeben.

 

Unter Kaiser Heinrich V. begann der Abstieg der Wipertiner. Wiprecht und sein Sohn Wiprecht II. wurden in Erbstreitigkeiten verwickelt und fielen in eine lange Gefangenschaft des Kaisers. So saß Wiprecht I. gemeinsam mit dem oppositionellen Erzbischof Adalbert von Mainz 1113 auf der pfälzischen Reichsburg Trifels in ritterlicher Haft. Nach einer Heldensage soll das Zerwürfnis zwi­schen Wiprecht und dem jungen Kaiser von einer Mutprobe her­rühren, der der alte Haudegen vom neuen Herrscher unterworfen wurde. Am Kaiserhofe ließ man einen grimmigen Löwen auf densächsischen Grafen los, der diesen zwar mit bloßen Händen über­wältigte, aber fortan mit seinem Herrscher haderte.

Erst nach der Schlacht am Welfesholz im Wansfeldischen 1115 und dem Tod des jungen Wiprecht wendete sich wieder das Blatt zugunsten Wiprecht I., der zwar in seine Rechte wieder eingesetzt und sogar zum Markgrafen von Meißen und der Lausitz ernannt wurde, aber bei den folgenden Machtkämpfen sich nicht mehr durchzusetzen vermochte. Seine letzten Tage verbrachte Wiprecht im Kloster Pegau, wo er 1124 starb.

 

1118 hatte Berta von Groitzsch, Wiprechts Schwiegertochter, die mit der Erhebung des böhmischen Zolls ausgestattete Zwickauer Marienkirche gestiftet, damals der Mittelpunkt des von Sorben in der Muldenaue besiedelten Kleingaues und Pfarrsprengels.

Wiprechts Sohn, Markgraf Heinrich, und seine Gattin Berta, eine Wettinerin, warem 1137 die Gründer des Klosters Bürgel in Thüringen, von dem aus 1143 als Ableger das Nonnenkloster Remse an der Mulde entstand. Schließlich waren es Benediktiner­mönche aus Pegau gewesen, die um 1136 von Kaiser Lothar III. bei der Stiftung des Klosters Chemnitz herbeigerufen worden waren und einen bedeutenden Beitrag bei der Entwicklung des Marktortes und der späteren Reichsstadt Chemnitz sowie bei der Besiedlung und Kultivierung des Umlandes leisteten.

So hinterließen Wiprecht und seine Familie sichtbare Spuren in der Frühgeschichte unserer Heimat, mehr als die geringen sagen­haften Überlieferungen vermuten lassen.